DONEZK—Die Reaktionen waren im Internet ebenso heftig wie auf den Straßen von Odessa, nachdem dort am Samstag mehr als 30 prorussische Aktivisten bei einem Brand umkamen. Für Gegner der neuen Kiewer Führung war die Tragödie ein weiterer Beweis dafür, wie brutal die “Faschisten” an der Macht mit ihren Feinden umgehen; für Befürworter der Übergangsregierung war die Katastrophe hingegen die jüngste “Provokation” aus Moskau, um in der bereits jetzt heiklen Lage das Land noch weiter zu destabilisieren und zu spalten.
Wer prorussische Websites besucht, bekommt Fotos von verkohlten Leichen zu sehen. Es heißt dort, viele der Opfer des Brandes im Haus der Gewerkschaften seien gar nicht in den Flammen gestorben, sondern durch Kopfschüsse oder Giftgas regelrecht hingerichtet worden. Auf ukrainischen Seiten wird dagegen behauptet, die prorussischen Aktivisten hätten sich im Gebäude erst verschanzt, nachdem sie einen friedlichen Umzug mit Schlagstöcken, Ketten und Gewehren angegriffen hatten – das Feuer sei im darauffolgenden Chaos ausgebrochen. Es gibt sogar Bilder, die zeigen, wie Ukrainer ein Gerüst zum Gebäude bringen, um ihre Gegner aus den oberen Stockwerken zu retten.
Was wirklich passiert ist in Odessa, ist für die meisten Menschen in der Ukraine – und wohl nicht nur dort – uninteressant, denn sie haben ihre eigene Wahrheit der Ereignisse bereits gefunden. Egal wie viele Untersuchungskommissionen einberufen werden: Ihre Befunde werden nur neue Verschwörungstheorien schüren – genau wie die Schießerei vom 20. Februar am Kiewer Maidan, in der Dutzende Menschen getötet wurden. Ein Blogger berichtete am Sonntag, dass kein einziger Polizist ihn daran hinderte, ins Haus der Gewerkschaften zu gelangen.
Fernsehmasten als strategische Ziele
Noch vor ein paar Tagen äußerten sich viele Menschen im russischsprachigen Südosten des Landes ambivalent zu separatistischen Tendenzen, inzwischen wird es für alle immer schwieriger, eine neutrale oder indifferente Position zu beziehen. Noch vor Kurzem erschienen Gefühle von Hass – ganz zu schweigen von Rache – völlig grundlos. Jetzt werden sie nach den Toten der Brandkatastrophe von Odessa und den Scharmützeln um Slowjansk zunehmend nachvollziehbar. Auf den Bildschirmen und in den Köpfen herrscht schon Krieg.
Fernsehbilder geben den Ton an. Ukrainer aller Meinungsrichtungen sind sich sehr bewusst, dass sie sich inmitten eines “Informationskriegs” befinden – und beklagen den Mangel an unabhängigen Nachrichten. Fernsehmasten in der ostukrainischen Provinz sind zu strategischen Zielen geworden, und prorussische Demonstranten bestehen auf ihr Recht, das Staatsfernsehen aus Moskau zu empfangen. Auf TV-Kanälen und in sozialen Netzwerken finden sich Gleichgesinnte immer wieder in denselben Medienmilieus, in denen die eigene Meinung wiederholt, bestätigt, verstärkt wird – Echokammern gleich.
Der gesellschaftliche Riss wird tiefer. Vor allem im Osten, wo fast ausschließlich Russisch gesprochen wird, spaltet die Sprache allerdings weniger als es Alter und Bildungsgrad tun. In vielerlei Hinsicht spielt sich der Konflikt ab zwischen einer jüngeren Generation, die ihre Zukunft in einer unabhängigen Ukraine sieht, und den Verlierern des “wilden Kapitalismus”, die sich nach der Sicherheit der Sowjetzeit sehnen.
Faschisten, Neonazis, Blitzkrieg
Erinnerungen an die mächtige Sowjetunion, die einst die USA in Schach hielt und Hitler-Deutschland zerschlug, spielen eine große Rolle im Propaganda-Krieg. Je näher der 9. Mai – der Tag des Sieges – rückt, desto bedeutsamer werden die Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg. Unterstützer der Maidan-Revolution werden pauschal als Faschisten oder Neonazis denunziert. Das russische Staatsfernsehen berichtet vom erfolglosen “Blitzkrieg” der ukrainischen Sicherheitskräfte in Slowjansk und bringt Bilder vom Zweiten Weltkrieg in Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen.
Die ukrainische Regierung benutzt einen moderneren Ausdruck für ihre Gegner: Terroristen. Auf beiden Seiten wird die Sprache rauer: Bekanntlich sollte mit Nazis oder Terroristen nie verhandelt werden. Mit jedem neuen Opfer verhärten sich die Fronten. Der Raum für politischen Dialog wird enger, wenn es überhaupt Politiker gibt, die ihn führen könnten.
In der vergangenen Woche haben zwei Vertreter des Ostens, Natalija Korolewskaja und Oleg Zarjow, ihre Präsidentschaftskandidaturen zurückgezogen. Korolewskaja begründete ihre Entscheidung damit, dass der Wahlkampf das Land zerreiße. Zarjow, der nach einem Fernsehauftritt in Kiew von Gegnern angegriffen wurde, nannte die Wahl illegitim und setzt sich jetzt aktiv für ein Referendum am 11. Mai ein, das als Rechtsgrundlage für eine Abspaltung der östlichen Regionen dienen könnte.
Die Übergangsregierung in Kiew hat versäumt, den Bewohnern der Ostukraine zu vermitteln, welchen Platz sie in einer neuen Ukraine haben sollten – vor allem in Donezk, wo der gestürzte Präsident Viktor Janukowitsch immer die meisten Anhänger hatte. Im daraus entstehenden Vakuum vermischten sich alte Ressentiments mit neuen Ängsten. Im Osten wird es immer unwahrscheinlicher, dass die Präsidentenwahl am 25. Mai erfolgreich stattfinden kann – und damit schwinden auch die Chancen für eine politische Lösung.


