SLOWJANSK—Wjatscheslaw Ponomarjow ist der jüngste Name aus der Ukraine, über den Nachrichtensprecher stolpern. Erst seit zwei Wochen kennt die Welt den ostukrainischen Seifenproduzenten, der in Slowjansk als selbsternannter Bürgermeister regiert, nachdem bewaffnete Separatisten die Provinzstadt übernommen hatten. Unter den Gefangenen, die sich in ihrer Gewalt befinden, sind nicht nur die Militärbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), sondern auch mehrere Journalisten und proukrainische Aktivisten.
Selbst viele Ukrainer mussten Slowjansk auf der Landkarte suchen, bevor sie die an den Hauptverkehrsverbindungen zwischen Charkiw und Donezk strategisch gelegene Stadt fanden. Slowjansk ist die Hochburg der prorussischen Separatisten im Donezker Raum geworden – und Ponomarjow ihr bekanntestes Gesicht.
Auch wenn ukrainische Sicherheitskräfte fest davon überzeugt sind, dass russische Geheimdienstler aktiv an der Steuerung der Separatisten teilhaben, bilden die prorussischen Kräfte in der Ostukraine keine geschlossene Front.
In der regionalen Hauptstadt Donezk haben sich maskierte Männer im Verwaltungsgebäude verbarrikadiert und die “Donezker Volksrepublik” ausgerufen. Ausgerechnet dort kennt man den Namen Ponomarjow aber nicht – zumindest musste der 32-jährige Anführer der Volksrepublik Denis Puschilin während einer Pressekonferenz am Wochenende nachfragen, wer das denn sei. Kurz davor hatte er noch erklärt, das “Volksaufgebot” Slowjansk und die Donezker hätten sich geeinigt, alle Sicherheitsfragen und politische Entscheidungen miteinander zu koordinieren.
Wichtigstes Datum: 11. Mai
Politisches Ziel Nummer eins der Separatisten ist eine Volksabstimmung zur Unabhängigkeit am 11. Mai – zwei Wochen vor der ukrainischen Präsidentschaftswahl. Erst nach einem Referendum werde die Donezker Volksrepublik entscheiden können, ob sie ein föderales oder konföderatives Verhältnis mit “einem anderen Staat” eingehen wolle, sagt Puschilin, erfolgsloser Parlamentskandidat der MMM-Partei, die aus der gleichnamigen Finanzpyramide der neunziger Jahre hervorging.
Das Referendum kostet Geld, doch Puschilin behauptet, er habe die nötigen Mittel schon zusammen. Woher und wie viel – das wollte er nicht verraten. Dass seine Kollegen in der benachbarten Regionen Luhansk und Charkiw schon so weit sind wie er und am 11. Mai ebenso abstimmen werden, bezweifelte er.
Skeptisch sind sie nicht nur im Osten
In Charkiw hatte bisher der Bürgermeister Gennadi Kernes eine Welle der separatistischen Übernahmen wie in der Donezker Region verhindert. Er nutzte seine alten Verbindungen als ehemaliger Anhänger des gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, um die Lage zu beruhigen und sich dadurch der Übergangsregierung in Kiew anzunähern. Am Montagmorgen wurde er in den Rücken geschossen und lebensgefährlich verletzt. Es ist nicht auszuschließen, dass sich jetzt auch in Charkiw ein pro-russischer Nobody zum Bürgermeister erklärt.
Die separatistische Bewegung in der Ostukraine hat keine Anführer mit der intellektuellen oder moralischen Kraft eines südafrikanischen Nelson Mandela oder kosovo-albanischen Ibrahim Rugova. Das größte Problem für die Separatisten ist, dass die russischsprachige Mehrheit in der Ostukraine gar nicht daran gehindert wird, ihre Sprache zu sprechen oder sonst am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die Menschen in Donezk haben Grund genug, der schwachen Übergangsregierung in Kiew skeptisch gegenüber zu stehen, aber diese Skepsis wird anderswo in der Ukraine geteilt, auch unter den Protestierenden, die auf dem Maidan ausharren.
Die Akteure vor Ort sind austauschbar
Die Phase der gewaltlosen prorussichen Proteste dauerte kaum einen Monat, bevor sie ohne besonderen Auslöser in bewaffneten Widerstand überging. Opportunismus spielt hier eine viel bedeutendere Rolle als Idealismus. Die Feinde der Kiewer Führung, vor allem Wladimir Putin, haben nur noch wenige Wochen, um die Präsidentschaftswahlen im Osten platzen zu lassen.
Die Akteure vor Ort sind austauschbar und wechseln schnell. Putins Taktik hat drei mögliche Stoßrichtungen: Erstens es findet ein wie auch immer geartetes Referendum statt, das die Rechtsgrundlage für eine reguläre Militärintervention bietet. Oder es kommt zweitens zu einer Gewalteskalation, die die ukrainische Seite zum Handeln zwingt – und Russland interveniert aus “humanitären Gründen” wie 2008 in Georgien. Putins dritte Variante: weiter anstacheln und zuschauen, wie die Ostukraine allmählich im Chaos versinkt und Kiew faktisch die Kontrolle verliert.
Autokolonne nach Slowjansk
In dieser Unbestimmtheit versucht der ukrainische Abgeordnete Oleh Zarjow sich als möglicher Übergangspolitiker zu positionieren. Der 43-Jährige aus Dnipropetrowsk war einst Mitglied in Janukowitschs Partei der Regionen und führt jetzt die prorussische Bewegung “Südost” an. Am Dienstag zog er seine Kandidatur für das Präsidentenamt zurück, weil er die “illegale” Kiewer Regierung nicht legitimieren wolle.
Am Sonntag hatte Zarjow eine Autokolonne organisiert, die demonstrativ von Makejewka bei Donezk nach Slowjansk fuhr. Die versammelten Teilnehmer taten sich schwer zu erklären, was sie unter den separatistischen Losungen “Referendum” oder “Föderalisierung” verstehen. “Wir wollen die Unabhängigkeit, aber als Teil von Russland”, sagte Boris Dechterjenko. “Föderalisierung bedeutet, dass Kiew uns zuhört.” Der 40-jährige Automechaniker trug eine weiße Banjamütze aus Filz mit Hammer und Sichel. Er gab zu, dass er die Sowjetunion vermisse. “Es war eine glückliche Kindheit. Ein Eis kostete 20 Kopeken, und in einem Monat konnte ein Bergarbeiter genug verdienen, sich ein Schiguli zu leisten”, das Urmodell des russischen Autobaus.
Nichts hinderte Zarjow daran, seine Autokolonne die 100 Kilometer durch marode Industriebrachen nach Slowjansk zu führen. Aus den meisten Autos flatterten Fahnen mit den schwarzen und orangenen Streifen des Sankt-Georg-Bands, eines patriotischen russischen Symbols, das in der Ostukraine eine neue Bedeutung gewonnen hat.
Blumen und Zigaretten für die Soldaten
Am einzigen Kontrollpunkt, der von schwarz uniformierten Truppen des ukrainischen Innenministeriums bewacht wurde, sangen die Frauen in der Gruppe Kirchenlieder und überreichten den Soldaten Wasser, Blumen und Zigaretten. Die mehr als 30 Privatwagen wurden nicht kontrolliert und fuhren unbehindert weiter durch vier von Separatisten errichtete Straßensperren, bis sie das Lenin-Denkmal im Zentrum von Slowjansk erreichten.
“Das ukrainische Fernsehen sagt, dass die Bewohner als Geiseln genommen worden sind. Aber hier lächeln die Menschen und winken uns zu. Wir sehen Mütter mit ihren Kindern. Ich sehe, dass hier keiner Angst hat”, sagte Zarjow. Seine fünf Leibwächter, die in Makejewka noch unbewaffnet waren, trugen jetzt Gewehre und kugelsichere Westen.
Sergej, der seinen Familiennamen nicht nennen wollte, beobachtete das Geschehen auf dem Platz. Seine Meinung sei eindeutig, sagte der 51-jährige Rettungsarbeiter und ehemalige Militärangehörige: “Wir warten auf Friedenstruppen aus Russland. De jure bin ich Ukrainer, de facto bin ich Russe. Bald auch de jure, hoffe ich.”


