Warten auf den Angriff

CHARKIW—Vier Glasdosen gefüllt mit Salo, ukrainischem Speck, stehen auf einem kleinen Tisch neben der Feldküche. Erbseneintopf köchelt über dem Lagerfeuer. Alexander, Feldwebel der ukrainischen Armee, bereitet das Mittagessen vor. Fünfzehn Meter vor ihm steht ein eingegrabener Panzer, Geschütz in Richtung Russland gerichtet.

“Wir werden in Moskau Bier zu sechs Hrywnja trinken,” scherzt der 39-jährige Familienvater über den Kampfgeist der ukrainischen Soldaten die vor einer Woche ins nordöstliche Grenzgebiet geschickt wurden. “Wir wollen keinen Krieg, aber wenn er zu uns kommt, werden wir unsere Heimat verteidigen.”

Nach der überraschenden, fast gewaltlosen Übernahme der Krim durch Wladimir Putin befindet sich die ukrainische Armee in Alarmbereitschaft. Da der Bruderstaat Russland nie als potentieller Feind betrachtet wurde, war die Ostgrenze der Ukraine kaum verteidigt. Viele Soldaten wie Alexander haben ihren ersten Eid auf die Sowjetunion geleistet – und erst später auf die unabhängige Ukraine.

Kiew bereitet sich auf möglichen Angriff aus dem Osten vor

Tausende russische Soldaten sind hinter der Grenze aufmarschiert, aus dem Kreml heißt es “für Übungen”. Auch kurz vor der Krim-Krise hielt das russische Militär überraschend Manöver im grenznahen Gebiet. Dieses Mal hat die Übergangsregierung in Kiew mit eigenen “Übungen zur Schließung der Ostgrenze” geantwortet. Sie hält die russischen Truppen für eine akute Bedrohung. Die russischen Soldaten seien “jederzeit zu einem Angriff bereit”, sagte der Chef des ukrainischen Sicherheits- und Verteidigungsrats, Andrij Parubij. Putin wolle “nicht die Krim, sondern die gesamte Ukraine”.

Auf einer heruntergekommenen Kolchose im Dorf Mali Prochodi wenige Kilometer von der Grenze entfernt haben ein paar Kompanien ihr Lager aufgebaut. Genauere Angaben zu Truppenstärke und Identität der Einheiten und deren Angehörigen werden aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben.

Es ist aber kein Staatsgeheimnis, dass die Technik aus sowjetischen Beständen stammt: Panzer, Schützenpanzer, Minenleger, MAZ-Panzertransporter und Ural-LKWs. Zwei Mi-24 Kampfhubschrauber kreisen zweimal über das Lager und verschwinden im klaren Frühlingshimmel.

Alle Autos mit russischem Nummernschild werden jetzt inspiziert

Es ist ein kleines Zeichen der Stärke angesichts eines Gegners der nie aufgehört hat, aufzurüsten. Ein ständiger Strom von zivilen Autos kommt im Lager an: Bürger bringen Lebensmittel, Schlafsäcke und Stiefel zu den notleidenden Soldaten. Auch der Salo ist ein Geschenk aus dem naheliegenden Dorf.

“Wir haben uns über soziale Netzwerke organsiert,” sagt Viktor Pitschugin, 23, ein Student aus Charkiw der mit zwei Freundinnen und einem römisch-katholischen Priester Care-Pakete am Grenzübergang Schurawljowka verteilt. Er sagt den Soldaten dort, dass er auch Holzöfen besorgen kann.

Schurawljowka ist eine von vier Übergängen für Bewohner des Grenzgebiets. Normalerweise passieren 2.000 PKWs pro Tag die Grenze hier; seit Donnerstag ist hier nichts mehr los, nachdem die Russen unerwartet und ohne Erklärung den Übergang dichtmachten. Am Mittwoch hieß es aus Kiew, dass die Ukraine die visumsfreie Einreise für Russen aufheben würde. Auch hier steht jetzt ein ukrainischer Panzer.

“Wir wollen nur Frieden”

In der vergangenen Woche wurden einige Hundert Personen aus Russland an der Grenze aufgehalten, bei denen diverse Waffen – Schlagstöcke, Reizgas und Eisenstangen – gefunden wurden, sagt Major Alexander Moskvin, Sprecher des ukrainischen Grenzschutzes in der Charkiwer Region. Alle bekamen ein fünfjähriges Einreiseverbot. Für gewalttätige Auseinandersetzungen in der Ostukraine haben die Behörden russische “Provokateure” verantwortlich gemacht.

Am Hauptgrenzübergang Goptovka ist wenig Verkehr, obowhl am Wochenende normalerweise Besucher aus dem russischen Belgorod gerne schnell nach Charkiw fahren um billig einzukaufen und auszugehen. Hier stehen jetzt Betonblöcke und Sandsäcke, und nur zwei Spuren, statt vier, sind offen. Alle PKWs mit russischen Nummernschildern werden jetzt ohne Ausnahme inspiziert. “Auch wenn du in einem Lamborghini ankommst werden wir dich kontrollieren,” sagt Moskvin.

Im Dorfladen von Mali Prochodi, wo die ukrainische Armee sich aufs Schlimmste vorbereitet, hofft die Verkäuferin Nadeschda Bondar auf eine friedliche Lösung. Sie ist in Kasachstan geboren, hat eine russische Mutter und einen ukrainischen Vater. “Die Regierungen teilen jetzt ihre Millionen auf, das ist die Politik. Wir sind alle Brüder,” sagt sie. “Wir wollen nicht nach Russland. Wir wollen nur Frieden.”

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